Barrierefreie Webseiten und mobile Apps: Erstellen leicht gemacht

Presseinformation / 12.3.2018

Niedrig geschätzt müssen 44 Millionen behinderte Menschen in der EU bei der Nutzung des Internets unnötige Barrieren überwinden. Denn bis auf wenige behördliche Angebote sind Internetseiten zumeist nicht oder nur unzulänglich barrierefrei gestaltet. Zur Abhilfe hat die Europäische Kommission rund 2,1 Mio € für das Projekt WADcher bewilligt. Unter Leitung von Fraunhofer FIT entwickelt WADcher eine Plattform mit Werkzeugen für die automatische und halbautomatische Evaluation der Barrierefreiheit von Websites und mobilen Apps. Standardisierte Schnittstellen zu Web Content Management Systemen sollen zudem dafür sorgen, dass neue Angebote direkt barrierefrei online gehen.

Menschen mit Behinderungen sind keine kleine Minderheit. Die niedrigste Schätzung liegt bei rund 44 Millionen*, knapp 13 Prozent der EU-Bevölkerung. Zählt man Menschen mit leichten oder altersbedingten Behinderungen hinzu, verdoppelt sich die Zahl. Laut der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte leben in der Europäischen Union beispielsweise rund 80 Millionen Menschen mit einer Behinderung.

Gerade vor dem Hintergrund des fortschreitenden demografischen Wandels ist mithin ein barrierefreies Internet sowohl unter sozialen als auch volkswirtschaftlichen Aspekten sinnvoll. Zudem sind öffentliche Stellen und Unternehmen mit öffentlichem Auftrag durch die im Dezember 2016 in Kraft getretenen Rechtsvorschriften der EU (Europäische Webzugänglichkeitsrichtlinie, WAD) in der Pflicht.

Hier will das europäische Projekt »WADcher – Web Accessibility Directive Decision Support Environment« durch die Entwicklung einer Plattform mit Werkzeugen für die automatische und halbautomatische Evaluation von Websites u.a. Webentwickler bei der Erstellung barrierefreier Angebote unterstützen.

»Im ersten Schritt stellen wir automatische Prüfwerkzeuge und -komponenten zur Verfügung, die bereits von den WADcher Projektpartnern entwickelt wurden, etwa Web-Crawler, Web-Rendering-Engines oder Markup-Tools. Zudem wird ein Decision Support Environment realisiert, das Webentwickler, Designer und Experten bei manuellen Überprüfungen hilft und Website-Betreiber bei der Erstellung, Prüfung und Bewertung der Barrierefreiheit von Webseiten unterstützt«, so Dr. Carlos Velasco, Projektkoordinator und Leiter des Web Compliance Centers des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik FIT.

Das Decision Support Environment aggregiert die Ergebnisse der automatischen Bewertung und unterstützt, wo es nötig ist, bei der weiteren manuellen Prüfung der Webseiten. Zusätzlich sollen Observatory-Tools zur Langzeitüberwachung dynamischer Websites entwickelt werden, die die Ergebnisse aus automatischen und manuellen Testläufen in Prüfberichten anschaulich visualisieren.

Darüber hinaus ist die Implementierung von standardisierten Schnittstellen in die WADcher-Plattform ein zentrales Ziel, damit sich existierende Web Content Management Systeme leicht »anflanschen« können. So könnten mit Entwicklungsumgebungen, mit denen heute üblicherweise Webseiten oder mobile Apps entworfen und entwickelt werden, direkt barrierefreie Angebote erstellt werden, ohne dass nachträglich nachgebessert werden muss.

Fraunhofer FIT koordiniert das WADcher Projektkonsortium. Weitere Projektpartner sind: The National Microelectronics Applications Centre Ltd. (Irland), Consiglio Nazionale Delle Ricerche (Italien), Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs (Österreich), Agenzia per L’Italia Digitale (Italien), Dextera Consulting Limited (Zypern), Ministry of Health (Griechenland) und Ethniko Kentro Erevnas Kai Technologies Anaptyxis (Griechenland).

 

*Eurostat: Disability statistics - barriers to social integration (2015)