Service Design für eine sensible Aufgabe: Fraunhofer FIT begleitet Entwicklung eines Begleitkoffers für Sterben, Tod und Trauer

Presseinformation /

In ihrer Masterarbeit an der Köln International School of Design (KISD) der TH Köln hat Nur Ebrar Bulut gemeinsam mit der Lebenshilfe Heinsberg einen Begleitkoffer für Trauerfälle in Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung entwickelt. Fraunhofer FIT brachte seine Expertise in menschzentrierter Gestaltung und Service Design ein, vermittelte den Praxiskontakt zur Lebenshilfe Heinsberg, einem Verein für Menschen mit Behinderung, und begleitete die Arbeit mit Expertise in Service Design und menschzentrierter Gestaltung.

Wie können Menschen mit Behinderung und die Mitarbeitenden ihrer Wohneinrichtungen beim Sterben eines Bewohners oder einer Bewohnerin und im anschließenden Trauerprozess unterstützt werden? Mit dieser Frage beschäftigte sich Nur Ebrar Bulut in ihrer Masterarbeit »Compassionate Care: Shaping Communities through Service Design in the Age of AI« an der Köln International School of Design (KISD) der TH Köln. Entstanden ist ein haptischer »Begleitkoffer« mit unterschiedlichen Materialien, der Orientierung geben, den Austausch unterstützen und Raum für individuelle Bedürfnisse und Formen des Abschieds schaffen soll.

Den Ausgangspunkt für die Arbeit bildete ein konkreter Bedarf aus der Praxis. Lina Mebus, Expertin für Service Design am Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT, identifizierte diesen im Gespräch mit der Lebenshilfe Heinsberg e. V. und vermittelte das Thema als Abschlussarbeit. Als Vertreterin des Fraunhofer FIT war sie anschließend Teil des Betreuungsteams und brachte ihre Expertise in menschzentrierter Gestaltung und Service Design, vor allem in sensiblen und vulnerablen Kontexten, in die fachliche Begleitung der Masterarbeit ein.

»Zu Beginn war bewusst offen, welche konkrete Lösung am Ende entstehen würde. Im Austausch mit der Lebenshilfe Heinsberg konnten wir aber eine klare Design Challenge identifizieren: Wie lassen sich Mitarbeitende sowie Bewohnerinnen und Bewohner in Wohngruppen beim Umgang mit Sterben, Tod und Trauer unterstützen? Genau hier setzt Service Design an: Wir beginnen nicht mit einer fertigen Lösung, sondern mit den Bedürfnissen der Menschen und entwickeln gemeinsam mit ihnen Angebote, die im Alltag tatsächlich helfen«, erklärt Lina Mebus.

Gemeinsam mit den Menschen vor Ort entwickelt

Im Zentrum der Masterarbeit stand die Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe Heinsberg. In Gesprächen, Vor-Ort-Terminen, Workshops und Feedbackrunden bezog Bulut Mitarbeitende und Bewohnerinnen und Bewohner in den Entwicklungsprozess ein. Bestehende Erfahrungen und Praktiken rund um Sterben, Abschied und Trauer wurden aufgenommen und gemeinsam weiterentwickelt. Auf dieser Grundlage entstand der Begleitkoffer zunächst gemeinsam mit Mitarbeitenden der Wohnstätten Wassenberg und Elmpt. Er ist für unterschiedliche Phasen der Begleitung – vor, während und nach dem Lebensende eines Bewohners oder einer Bewohnerin – konzipiert.

»Der Begleitkoffer ist nicht am Schreibtisch entstanden. Er ist das Ergebnis vieler Gespräche, Workshops und Rückmeldungen. Die Offenheit der Teams hat es ermöglicht, die Materialien so weiterzuentwickeln, dass sie im Alltag wirklich unterstützen«, sagt Bulut.

Der Koffer enthält verschiedene Materialien für Mitarbeitende und Bewohnerinnen und Bewohner. Dazu gehören unter anderem ein Leitfaden und ein »Wegbegleiter«, die Orientierung geben, sowie ein Befindlichkeits-Check-in für die Reflexion im Team. Bedürfniskarten laden Bewohnerinnen und Bewohner dazu ein, Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken. Eine Erinnerungslandkarte schafft Raum für gemeinsames Erinnern und Trauern. Alle Materialien sind in leichter Sprache gestaltet, damit sie inklusiv funktionieren und Menschen mit kognitivem Unterstützungsbedarf ohne Hürden partizipieren können.

Service Design verbindet Expertise und Erfahrungen

Für Fraunhofer FIT zeigt die Arbeit exemplarisch, welchen Beitrag menschzentrierte Gestaltung bei komplexen und sensiblen gesellschaftlichen Herausforderungen leisten kann. Service Design betrachtet dabei nicht allein ein einzelnes Produkt, sondern die Bedürfnisse der beteiligten Menschen, ihre Erfahrungen und die Abläufe und Strukturen, in denen eine Lösung später eingesetzt wird.

»Die Stärke des Begleitkoffers liegt für mich darin, dass er vorhandenes Wissen und bewährte Praktiken aus den Wohnstätten aufgreift und zugänglich macht. Das Ergebnis ist nicht einfach ein Produkt, sondern wird durch Design zum Werkzeug, das aus den Erfahrungen der Menschen vor Ort entstanden ist«, sagt Lina Mebus.

Von der Masterarbeit in die Praxis

Der Begleitkoffer bleibt nicht bei einem wissenschaftlichen Konzept. Die Lebenshilfe Heinsberg hat ihn inzwischen in einer Kleinserie produziert und in ihren Wohneinrichtungen eingeführt. Damit wird aus der Abschlussarbeit ein Werkzeug für den praktischen Alltag.

Damit der Begleitkoffer auch über die Lebenshilfe Heinsberg hinaus eingesetzt werden kann, stellt Fraunhofer FIT die entwickelten Materialien kostenfrei zum Download zur Verfügung. Interessierte können sie selbst ausdrucken und für die Begleitung von Sterben, Abschied und Trauer nutzen. So werden die Ergebnisse der Masterarbeit für weitere Einrichtungen und Gemeinschaften zugänglich und praktisch nutzbar.

Die Masterarbeit wurde zudem für den Kölner Design Preis 2026 nominiert. Die Begutachtung durch die Jury ist für November 2026 vorgesehen.

Kontakt

Lina Mebus
Fraunhofer FIT
E-Mail: lina.mebus@fit.fraunhofer.de

Der Begleitkoffer zum kostenfreien Download